Sonntägliche seelische Erhebung

Getreu dem alten Pfadfinder-Motto „jeden Tag eine gute Tat“ (dass ich schon deshalb nur sehr sporadisch befolge, weil ich mit Pfadfindern noch nie was am Hut hatte) habe ich heute an einer Unterschriftenaktion zur Abschaffung des Sonntags-Auto-Wasch-Verbotes (das war allerdings nicht der offizielle Titel, glaub ich) teilgenommen.

Dass das überhaupt verboten ist, hab ich erst vor kurzem eher zufällig erfahren. Ich hatte nicht für möglich gehalten (naiv, ich weiss) dass bei uns selbst etwas so Nebensächliches wie der „richtige“ Zeitpunkt fürs Autowaschen gesetzlich vorgeschrieben ist.

Nach der Unterschriftenaktion heute (es geht dabei wohl im Wesentlichen darum, die CDU davon zu überzeugen dass sich niemand durch das Autowaschen vom in-die-Kirche-gehen abhalten lassen würde, wie ich im ausführlichen Gespräch mit dem Waschplatzbetreiber erfuhr) wollte ich dann doch mal ein bisschen was zu den Hintergründen erfahren.

Die Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919 sagt in Artikel 139

Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.

In unserem heute gültigen Grundgesetz steht, dass dieser Artikel aus dem dritten Abschnitt besagter Verfassung („Religion und Religionsgesellschaften“) auch heute noch gilt.

Wenn also das Grundgesetz über den Umweg dieser uralten Reichsverfassung (wie beruhigend, dass auch dort schon dermaßen unwichtige Dinge drin stehen) Arbeitsruhe und seelische Erhebung befielt, dann kann man das natürlich so auslegen, dass Autowaschen erstens eine Arbeit ist und zweitens nicht bei jedem der „seelischen Erhebung“, was immer das auch sein mag, dient.

Nur: Wie erklärt man dass einem Polizisten, einer Krankenschwester, einem Feuerwehrmann? Oder einem Koch, Tankstellenpächter, Mc-Donalds-Mitarbeiter? Die Liste derer, die von staatlich angeordneter Ruhe und seelischer Erhebung ausgenommen werden, ließe sich noch fortsetzen.

Man mag mich für pingelig halten – aber sollte eine Verfassung nicht unabhängig vom ergriffenen Beruf für jeden gelten, der in deren Geltungsbereich lebt? Das würde natürlich eher die Streichung solcher unsinniger Artikel bedeuten, als Arbeitsverbote für zum Teil wirklich lebenswichtige Stützen der Gesellschaft (je nach persönlicher Vorliebe des Lesers meine ich damit etwa Kirchen, Arztpraxen oder Sportlerkneipen).

Und sollte im Interesse der Religionsfreiheit nicht jedem selbst überlassen sein, was ihn beruhigt oder ihm hilft seine Seele wohin auch immer zu erheben? Und wer dass für Blasphemie hält, der möge bei seiner Meinungsbildung unbedingt berücksichtigen, dass im christlichsten aller Länder, im Land des Papstes und im Land der ewigen absoluten Mehrheit für eine Partei mit Religionsbezug (ja, Bayern ist gemeint…) auch Sonntags Autos gewaschen werden dürfen.

Cross-Beitrag vom Filterblog – gibt nicht zwangsläufig Aufschluss über Meinung, Position oder Beschlusslage der Jungen Liberalen Harburg-Land wieder, ist jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht weit davon entfernt.