Schlankheits- und Fitnesswahn erreicht Bundestag

Im immer wieder gerne bemühten „Interesse der Allgemeinheit“ zieht die Bundesregierung nun einmal mehr in den Kampf. Gegner diesmal: Dicke Kinder, dicke Erwachsene, Diabetes, politisch unkorrekte Ernährung und Sportmuffel.

Wer mindestens einen dieser Tatbestände erfüllt, der schadet der Allgemeinheit. Denn er kommt die Krankenkassen teuer zu stehen. Völlig klar also, dass dagegen etwas getan werden muss.

Im Interesse der Allgemeinheit wird nun also zur Hatz auf Dicke geblasen.

Werde ich mich demnächst im Restaurant vor aufgebrachten anderen Gästen rechtfertigen müssen, dass ich ein Bier zum Essen bestelle? Oder dass ich überhaupt etwas anderes esse, als einen Salat (den dann aber bitte ohne Dressing!)?

Mancher mag es begrüßen, dass sich die Regierung des Themas Ernährung annimmt. Für mein Verständnis von Staat und Gesellschaft geht es dagegen Niemanden – und noch weniger die Regierung – etwas an, was ich in meiner Freizeit mache oder was ich esse, beziehungsweise was nicht.

Bisher sind es nur Anregungen. Und es soll mehr informiert werden. So fängt es immer an. Leider bleibt es nur selten bei Kampagnen, wenn diese nichts bringen.

Anregungen das Essen betreffend sind keine neue Erfindung:

„Das deutsche Volk vom einfachen Arbeiter bis hin zum Führer vereint vor dem Eintopf.“

Sowas hat es schonmal gegeben. Nun ist der aktuelle Aktionismus auf diesem Gebiet sicher nicht mit glücklicherweise längst vergangenen Zeiten vergleichbar. Trotzdem ist es schon interessant, dass eine ähnliche Bevormundung heute gar nicht mehr sooo undenkbar erscheint.

Aus diesem Wikipedia-Text über die Medizin im Nationalsozialismus:

Das nationalsozialistische Konzept zur „Gesundheitsführung“ wurde vom stellvertretenden Reichsärzteführer Friedrich Bartels im Jahr 1936 ausformuliert. Es enthält für jeden Einzelnen gewissermaßen eine Verpflichtung zur Gesundheit um die „aufgrund seines Erb- und Rassegutes überhaupt erreichbaren Leistungsfähigkeit und Gesundheit“ des „deutschen Volkes“ zu sichern. Vor dem Hintergrund der Kriegsvorbereitungen und der dazu benötigten Arbeitskräfte war es für Bartels nicht hinnehmbar, dass Arbeiter bereits vor Erreichen des Rentenalters deutlich in ihrer Leistungsfähigkeit nachließen.

ließe sich mit einigen kleinen Änderungen (die ich mal kursiv gemacht habe) auch eine heute denkbare Presseerklärung des Verbraucher- oder Gesundheitsministeriums machen:

Das nationale Konzept zur „Gesundheitsführung“ wurde gemeinsam vom Ministerium für Verbraucherschutz sowie vom Ministerium für Gesundheit ausformuliert. Es enthält für jeden Einzelnen gewissermaßen eine Verpflichtung zur Gesundheit um die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems zu sichern. Vor dem Hintergrund der leeren Kassen und des sich abzeichnenden Fachkräftemangels ist es nicht hinnehmbar, dass Arbeiter bereits vor Erreichen des Rentenalters deutlich in ihrer Leistungsfähigkeit nachließen.

Ja, ich übertreibe möglicherweise gerade ein bisschen. Manchmal muss man das aber, um frühzeitig auf Fehlentwicklungen hinzuweisen.

Wann ich zu dick bin, dass möchte ich selbst entscheiden und nicht von irgendwelchen Normwerten festgelegt wissen, die die Regierung vorgibt. Wenn ich abnehme oder Sport treibe, dann will ich das nicht um einen Beitrag zur Kostensenkung im Gesundheitssystem zu leisten, sondern weil ich es will. Wenn es der Politik nicht passt, dass zu viele Dicke die Ausgaben für Gesundheit erhöhen, dann soll sie doch meinetwegendie gesetzliche Krankenversicherung abschaffen und das Problem zum Privatproblem der Betroffenen machen.

Den Menschen Verhaltensnormen eintrichtern zu wollen, geht jedenfalls immer in Richtung Volkserziehung und Bevormundung. Und so etwas entspricht nun gar nicht meinem Verständnis einer freien und Mündigen Gesellschaft – ich hoffe, ich bin da nicht der Einzige.

[Beitrag Kommentieren]

Cross-Beitrag vom Filterblog – gibt nicht zwangsläufig Aufschluss über Meinung, Position oder Beschlusslage der Jungen Liberalen Harburg-Land wieder, ist jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht weit davon entfernt.